Während mein Sohn und ich versuchten zu schlafen, drehte der junge Mann über uns jede Nacht um Punkt zwei Uhr die Rockmusik bis zum Anschlag auf: Als Antwort darauf kaufte ich eine Geige, und mein „begabtes“ Kind begann morgens um acht Uhr mit den Proben

Mein Nachbar von oben, ein junger Kerl, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, pünktlich um zwei Uhr nachts den Rock’n’Roll bis zum Anschlag aufzudrehen. Die Wände zitterten, der Bass dröhnte durch die Decke, und mein siebenjähriger Sohn und ich fanden einfach keinen Schlaf mehr. Als ich eines Nachts im Pyjama vor seiner Tür stand und ihn um Rücksicht bat, speiste er mich nur ab: „So laut ist das gar nicht, ich habe einfach nur ein verdammt gutes System.“ Trotz meiner Beschwerden und der Polizei änderte sich nichts; er feierte jede Nacht, während wir jeden Morgen völlig übermüdet zur Arbeit und in die Schule schlichen.

Die rettende Idee kam eines Morgens beim Frühstück von meinem Sohn: „Mama, kann ich lernen, Geige zu spielen?“ In diesem Moment huschte mir nach Monaten zum ersten Mal wieder ein Lächeln übers Gesicht. Ich kaufte sofort eine Violine. Als der Verkäufer fragte, ob mein Sohn Talent besäße, antwortete ich nur: „Er hat einen verdammt guten Grund, sich anzustrengen.“ Ich prüfte die Rechtslage: Ab acht Uhr morgens war Lärm erlaubt – genau die Zeit, in der mein Nachbar oben meist wie ein Stein in den Federn lag.

Am Montagmorgen um Punkt acht Uhr startete unsere „Operation“. Die schrillen, kratzenden Töne eines Kindes, das absolut keine Ahnung vom Geigespielen hat, drangen durch den Beton direkt in sein Schlafzimmer. Keine zehn Minuten später hämmerte es an meiner Tür. Vor mir stand ein Wrack von einem Mann, die Augen blutunterlaufen. „Sind Sie noch ganz dicht? Was soll dieser Lärm in aller Herrgottsfrühe!“, brüllte er. Ich entgegnete völlig gelassen: „Guten Morgen. Wir fördern nur das musikalische Talent meines Sohnes. Alles absolut gesetzeskonform.“

Die ganze Woche über hielten wir unser „Konzert“ pünktlich um acht Uhr ab. Die nächtliche Rockmusik war bereits nach dem zweiten Tag wie abgeschnitten. Am Freitagabend hisste er schließlich die weiße Fahne und kam zu mir. „Bitte, lassen Sie uns eine Vereinbarung treffen, ich halte das nicht mehr aus“, flehte er. Ich legte ihm Papier und Stift vor und ließ ihn unterschreiben: Absolute Stille ab 22 Uhr. Seit diesem Tag wurde unser Nachtschlaf nie wieder gestört.

In der Nachbarschaft herrscht nun endlich Frieden. Mein Nachbar hält sich an sein Wort, und ich bewahre die Geige „für alle Fälle“ ganz vorne im Schrank auf. Mein Sohn ist zwar kein großer Fan des Instruments, aber er ist sichtlich stolz darauf, der wichtigste Verbündete seiner Mutter in diesem kleinen Rachefeldzug gewesen zu sein. Manchmal ist Stille die schönste Musik – aber manchmal muss man eben den lautesten Weg wählen, um sie zu finden.

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