Es war ein klirrend kalter Wintertag, und die Oberfläche des Bergsees war von einer hauchdünnen Eisschicht überzogen. Während eine alte Frau Holz sammelte, entdeckte sie an einer eingebrochenen Stelle einen riesigen Wolf, der verzweifelt um sein Leben kämpfte. Seine Krallen fanden auf dem glatten Eis keinen Halt, und mit jedem vergeblichen Versuch versank er ein Stück tiefer in den eisigen Fluten. Ohne Rücksicht auf die Gefahr, die von dem Wildtier ausging, legte sich die Frau flach auf den Schnee und streckte dem Wolf einen langen Ast entgegen. Trotz des bedrohlichen Knackens des Eises gab sie nicht auf und schaffte es unter Aufbietung all ihrer Kräfte, das erschöpfte Tier aus dem Wasser zu ziehen.

Mit nassem, bebendem Körper lag der Wolf keuchend auf dem Eis; einer seiner Hinterläufe schien gebrochen zu sein. Gerade als die Frau sich voller Furcht zurückziehen wollte, regte sich etwas im dichten Wald. Plötzlich tauchten zwischen den Bäumen zehn Paare funkelnder Augen auf – das Rudel des Wolfes. Die Wölfe hatten die Gegenwart eines Menschen gewittert und näherten sich im Eiltempo. Als die alte Frau begriff, dass es für sie kein Entkommen gab, erstarrte sie vor Entsetzen.
Das Rudel war bereits wie eine gespannte Feder zum Sprung auf die Fremde bereit, als etwas Unerwartetes geschah. Der verletzte Wolf, der gerade erst dem Tod entronnen war, erhob sich unter Schmerzen. Trotz seiner zitternden Läufe stellte er sich schützend vor die Frau und begann, sein eigenes Rudel drohend anzuknurren. Dieser schwache, aber entschlossene Laut sandte eine klare Botschaft: Diese Frau durfte nicht angerührt werden. Die unerbittlichen Gesetze der Wildnis waren in diesem Moment einem uralten Gefühl der Dankbarkeit gewichen.

Der Anführer des Rudels hielt einen Augenblick inne, neigte dann leicht den Kopf und wich zurück. Die anderen Wölfe folgten ihrem Anführer und glitten lautlos in die Dunkelheit des Waldes. Bevor der verletzte Wolf humpelnd seinen Gefährten folgte, wandte er sich noch einmal um und sah die Frau an. In seinen Augen lag keine Wildheit mehr, sondern ein tiefer Friede und ein stummes Dankeschön. Kurz darauf verschwand auch er zwischen den Bäumen.

Die alte Frau blieb allein auf dem Eis zurück, doch die Angst war verflogen. Während der Wind den Schnee aufwirbelte, wurde ihr Herz durch das Wunder, das sie gerade erlebt hatte, gewärmt. Sie hatte begriffen, dass selbst im härtesten Antlitz der Natur Güte niemals unbeantwortet bleibt. Langsam erhob sie sich und machte sich auf den Heimweg, während hinter ihr auf der verschneiten Eisfläche Wolfspfoten und Menschenspuren friedlich nebeneinander zurückblieben.